Zeitloser Perfektionismus

Steely Dan – «Two Against Nature»

Steely Dan? Zwei Musiker-Komponisten-Texter, die für ihre sieben erfolgreichen und Grammy-winning Jazz-Rock-Pop-Studioalben jeweils die besten Musiker dieser Genres anheuern konnten.

April 1981: Zu Besuch bei meinem Freund und Sportjournalisten Rod A. in Kalifornien hörte ich zum ersten Mal eine mir bislang unbekannte Gruppe mit dem seltsamen Namen «Steely Dan». 


Meine Faszination für «Gaucho» begann schon mit den ersten Takten. Das war sowas von entspannt und mitreissend originell.
Zwar verstand ich die Texte zum Teil sprachlich, erkannte darin jedoch weder Sinn noch Bedeutung. Aber die Musik, die kompakten Arrangements, der trockene, perfekt abgemischte Sound … einfach umwerfend.

Danach dauerte es zwei Jahrzehnte, bis ich «Steely Dan» erneut entdecken durfte und zwar mit der CD «Two Against Nature»: Gleicher Sound, gleiche Faszination.

Steele Dan

Es begann bereits 1971: Der Sänger und Tastenmann Donald Fagen und der Gitarrist/Bassist Walter Becker, die während ihrer Unizeit schon in diversen Band gespielt hatten, verbrachten viel Zeit zusammen. Sie teilten die selben Vorlieben – musikalisch, literarisch und überhaupt. Auch ergänzten sie sich ideal beim Song schreiben.


Nach diversen gemeinsamen, abenteuerlich klingenden Erlebnissen – in vielen Fällen spielte das fehlende Geld eine Rolle, oder ihr spezielles Äusseres – erhielten sie eine Einladung von Gary Katz, um für ABC Records als Songwriter zu arbeiten. Sie zogen von New York nach Los Angeles. Es war dann auch Gary Katz, der die beiden aufmunterte, eine eigene Band zu gründen.

Mit ihrem «speziellen» Äusseren eckten sie damals immer wieder an.

Auf der Suche nach einem Bandnamen entschieden sie sich – wohl in einer typischen «Becker-Fagen-Nacht» – für «Steely Dan», inspiriert von der damals hippen Textsammlung «Naked Lunch» von William S. Burroughs (Steely Dan ist in einer der Geschichten der Name eines Dildos).


Es war wiederum Gary Katz, der Steely Dans erste LP produzierte. «Can't Buy a Thrill» (1972) enthielt zwei erfolgreiche Singles. Nach einem weniger erfolgreichen zweiten Anlauf «Countdown to Ecstasy» (1973) – Becker schrieb den Misserfolg dem Zeitdruck zu, da die Aufnahmen während einer Tournee erfolgten – wurde der Song «Rikki Don't Lose That Number» auf ihrem nächsten Album «Pretzel Logic» (1974) zum Hit.


Es folgten Hochs und Tiefs, und die beiden beschlossen, lieber gute Studioalben zu produzieren. als auf Tourneen zu gehen. Als dann aber 1977 die LP «Aja» erschien und weltweit in die Top-Charts gelangte, wurde eine erneute Tour unumgänglich. Doch da viele der berühmten (Jazz-)Musiker auf dem Studioalbum typische Studiomusiker waren, die nicht auf Reisen gehen wollten oder konnten, musste eine neue Tour-Band zusammengestellt werden. Seither gab es immer zwei Steely Dan Bands: Eine fürs Studio und eine für Tourneen.


Mit dem Toningenieur Roger Nichols hatte Gary Katz den Mann gefunden, der die Klangvorstellungen der Perfektionisten Becker und Fagen am besten umsetzen konnte, da er selbst ein Perfektionist war.

Das ging so weit, dass gewisse Musiker bis zu dreissig Tracks einspielen mussten, damit man für den Schlussmix die wirklich beste Version auswählen konnte.


Die eingangs erwähnte LP «Gaucho» (1980) war von so viel Negativem überschattet, dass es heute erstaunlich scheint, dass sie überhaupt veröffentlich werden konnte. «Gaucho» war enorm erfolgreich, und Roger Nichols erhielt dafür seinen dritten «Engineering Grammy».


Doch wegen all den unerfreulichen Zwischenfällen beschlossen Becker und Fagen sechs Monate später (1981) die Band aufzulösen und sich zu trennen. Becker zog nach Hawaii (auch um seine Heroinabhängigkeit loszuwerden), während sich Fagen mit eigenen Soloprojekten begnügte («The Nightfly» und «Kamakiriad»), die jedoch von Becker grösstenteils begleitet wurden.

Nach «Gaucho» war (vorübergehend) Schluss. Fagen veröffentlichte zwei Solo-Alben, bevor die zwei wieder zu «Steely Dan» zusammenfanden.

Zehn Jahre später (1991) traten Steely Dan wieder auf. Walter Becker hatte zuvor Fagens «Kamakiriad» produziert und darauf ein paar Gitarrensoli gespielt. Es folgten auf vielseitigen Wunsch ausgedehnte Welt-Tourneen, auf denen die alten, erfolgreichen Nummern gespielt wurden.


Endlich, im Jahr 2000, erschien Steely Dans erstes Album nach 20 Jahren «Two Against Nature». Es gewann vier Grammys, u.a. gleich «Best Album of the Year». Nach diesem Erfolg produzierten die beiden nur noch ein gemeinsames Album «Everything Must Go» (2003). Zwar machten sie noch einmal im Jahr eine Tournee, und Fagen ergänzte seine Solo-Trilogie mit «Morph the Cat» (2006), doch machten gesundheitliche und organisatorische (auch legale) Probleme ein weiteres Zusammenarbeiten immer schwieriger.


2011 starb Roger Nichols, 2017 Walter Becker. Donald Fagen musste sich danach mit rechtlichen Problemen mit Beckers Nachkommen, aber auch mit diversen Copyright-Streitigkeiten herumzuschlagen. Eigentlich wollte er nach Beckers Tod Steely Dan ebenfalls begraben und unter anderem Namen auftreten, doch die Promoter/Organisatoren wollten, dass er den Namen aus kommerziellen Gründen beibehalten solle. 


Fagen tourte noch bis Ende 2022, doch 2023 musste er aus gesundheitlichen Gründen weitere Auftritte absagen. Auf der offiziellen Website steht jedoch immer noch «Eagles – The Long Goodbye – Final Tour – with Special Guest Steely Dan».

Becker und Fagen back in New York.

«Two Against Nature»

Schon nur das Intro von «Gaslighting Abbie» verspricht mitreissendes «foot tapping». Die einsetzenden, coolen Bläser (cool, da zurückhaltend, trocken, ungewöhnlich nebensächlich klingend) steigern zusammen mit den spärlichen Gitarrenklängen die Erwartungen. Dann endlich, nach über 30 Sekunden übernimmt der Geschichtenerzähler Fagen mit seiner unspektakulären aber eindringlichen Stimme die Rolle des untreuen Mannes, der seine Geliebte (Abbie) wegen einer neuen Flamme loswerden will und dazu zum «gaslighting» Trick greift (beschrieben in Patrick Hamiltons Thriller «Gas Light»). Die Komplexität des gesamten Songs mit dem intensiven Gitarrensolo und dem zum Text passenden, schrägen Sax-Solo zum Schluss ist aussergewöhnlich, nicht nur für diese Art Musik.


Und so geht es acht mal weiter, in verschiedenen Tempi und unterschiedlichen Stimmungen, jedoch immer im typischen Steely-Dan-Sound. Alle Texte, mit Ausnahme des Titelsongs, drehen sich um zwischenmenschliche Beziehungen, Sex und Drogen. Sie sind eher mit moderner Lyrik als mit herkömmlichen Pop-Liedertexten zu vergleichen. Ab und zu glaube ich, Fagens Bewunderung für Frank Zappa herauszuhören. Auch hier sind versteckte Seitenhiebe und Ironie vorhanden.


Für Leute, die gerne Texte mitlesen, gibt es im Internet Webseiten, die dies ermöglichen, da leider kein Booklet zum Download existiert.


Musikalisch und harmonisch sind sämtliche Stücke von «Steely Dan» (nicht nur auf diesem Album) aussergewöhnlich und sofort erkennbar, voller Überraschungen und anscheinend kompliziert. Anscheinend, weil wir uns so sehr an die üblichen Songstrukturen gewöhnt haben, die meist nur aus einigen Strophen bestehen, die durch einen wiederkehrenden Refrain unterbrochen werden. Oder an den im Jazz oft verwendeten A-A-B-A Aufbau. 


Es ist deshalb nicht nachvollziehbar, dass die Songs von «Two Against Nature» – oder auch die der übrigen Steely-Dan-Alben – in der Kategorie Pop figurieren. Sie sind viel komplexer, anspruchsvoller als die Hitparade-Liedlein, setzen sich jedoch trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) in unseren Gehörgängen fest. 


Selbst wenn man sich nicht auf die Texte konzentriert, oder diese gar nicht richtig mitkriegt, wirken Steely-Dan-Songs wie eine Art Droge. Auch die speziellen Gitarren- und Tenorsax-Soli unterstützen diesen Eindruck.

Fazit

Dieses Album ist zwar beinahe ein Vierteljahrhundert alt. Doch nach all den Jahren überraschte mich «Two Against Nature» aufs Neue. Zugegeben: Diesmal vertiefte ich mich, nach zuerst mehrmaligem rein musikalischem Genuss, wesentlich mehr in die Texte. Dadurch wurden neue Qualitäten offenbart, die mir vor Jahren nicht bewusst waren.


Natürlich ist es wie bei jeder Musik: Man kann sie völlig ablehnen, «nett» finden, oder sich von ihr zu Begeisterungsstürmen hinreissen lassen. Sollten Sie zu der letzteren Kategorie gehören, empfehle ich neben meinem Initialzünder «Gaucho» auch noch den Vorgänger «Aja» sowie die oben abgebildeten Solo-Alben von Donald Fagen.

Steckbrief

Interpret:


Besetzung:






Albumtitel:


Herkunft


Label:


Erscheinungsdatum:


Spieldauer:


Tonformat:


Aufnahmedetails


Musikwertung:


Klangwertung:


Rezensionsdatum:

Steely Dan


Donald Fagen – Lead Vocals und diverse Keyboards 

Walter Becker – Bass und Gitarre

24 weitere Musiker

3 Background SängerInnen

Alle Bläser-Arrangements Donald Fagen


«Two Against Nature»


USA


Giant - Reprise


2000/2011


51:45


FLAC 24-Bit 96.0 kHz - Stereo


Recorded and mixed by Roger Nichols


10


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3. Januar 2024