Test

Zertifiziert für HiDef-Audio

18.Mai 2019

Edifier S880DB – aktive Lautsprecher mit DAC

Edifier? Diverse Produkte der 1996 in Peking gegründeten Audiofirma sind nun auch in der Schweiz erhältlich. Besonders interessant schien das HiDef-Audio-zertifizierte Audiosystem S880DB.

Falls Ihnen die Marke Edifier nicht geläufig sein sollte: Sie sind nicht allein. Die schon seit über 20 Jahren aktive chinesische Firma stellte zu Beginn vorwiegend OEM-Produkte für Logitech, Creative und Altec Lansing her. Erst seit 2007 bietet sie Audioprodukte unter eigenem Namen an, mittlerweile in 70 Ländern. Die Schweiz hat (noch) keinen offiziellen Vertrieb, doch bieten mittlerweile mindestens zwei Schweizer Onlinehändler Edifier-Produkte an.

HiDef-Audio-zertifiziert

Lautsprechersysteme konnten schon seit Längerem zertifiziert werden – sei es für Dolby oder Ähnliches, doch das HiDef-Audio-Zertifikat war mir neu. Falls es Ihnen gleich geht, hier der Link zur JAS-Website, auf der alle Details zu den Anforderungen für die Verwendung des HiDef-Audio-Logos zu finden sind.

Inmitten der Bedienelemente und Anschlüsse auf der Rückwand des rechten Lautsprechers prangt das HiRes-Audio-Logo.

Es war dieses Logo, das mich auf die Edifier S880DB aufmerksam machte und mein Interesse weckte.


Zertifikat + Logo sind gut, doch ein Test ist besser. Drei Wochen nach meinem Erstkontakt mit dem Hongkong-Ableger der Herstellerfirma trafen die Testobjekte ein.

Lieferumfang

Leider werden für die Verpackung der S880DB immer noch Sagex-Formen verwendet: Praktisch, aber nicht eben umweltbewusst.


In der ansprechend bunten Kartonschachtel befinden sich ein passiver und ein aktiver Lautsprecher, die Fernbedienung mit separater Knopfbatterie, das Netzteil mit Abschlusskabel, ein etwa 3 m langes braunes DIN-Kabel, das die beiden Lautsprecher verbindet, zwei analoge Verbindungskabel (RCA-RCA und RCA-Miniklinke), ein USB- und ein optisches Digitalkabel. Letztere sind mit 170 resp. 150 cm für meine Anwendung etwas zu kurz, sollten jedoch in den meisten Fällen genügen.

Alles vorhanden, was man zum sofortigen Einsatz benötigt. Nicht auf dem Bild: Das externe 18V/3A-Netzteil sowie die gedruckte Bedienungsanleitung.

Eine gedruckte Bedienungsanleitung in sechs westeuropäischen Sprachen liegt ebenfalls bei, doch sind die Informationen auf den je etwa 14 Seiten recht knapp gehalten, genug für eine problemlose Installation und einen ebensolchen Betrieb, doch ungenügend, um meinen journalistischen Wissensdurst bis ins letzte Detail zu stillen.

Installiert

Es wird nirgends explizit erwähnt, dass die aktive Box rechts stehen muss, doch alle Abbildungen in der 12,5 x 12,5 cm kleinen Bedienungsanleitung weisen darauf hin. Der Zusammenschluss des Systems geht schnell, die Böxchen sind schon von Haus aus mit rutschfesten Silikonfüsschen ausgestattet, die Kabelverbindungen (Netz, DIN und Optical zum Mac) im Nu erstellt.


Zum Anschluss über USB: Für den Mac benötigt man keine Treibersoftware, für Windows muss man den speziellen S880DB-Treiber downloaden und installieren.


Der Vergleich mit meinem Monitorsystem bestätigte dann auch gleich, dass die aktive Box rechts stehen muss. Auf deren Rückseite befinden sich nicht nur die Anschlüsse, sondern auch drei Regler für Höhen- und Basskorrektur sowie Lautstärke (Drehung) resp. Eingangswahl (Druck). Da ich, einmal eingestellt, die beiden Klangregler eigentlich nicht mehr verändere, und die Lautstärke sowie die Eingangswahl auch über die Fernbedienung erfolgen kann, ist aus meiner Sicht die Platzierung dieser Bedienelemente auf der Rückseite zwar nicht ideal, doch kaum einer negativen Erwähnung wert.

Fernbedienung und Display

Eine Fernbedienung nicht wie alle anderen: Rund wie ein Puck mit einem Durchmesser von 74 mm und stromversorgt mit einer Knopfzelle (CR2025), bietet sie alles, was man benötigt … und mehr: Der Ein/Aus-Taster oben, der Source (Eingangswahl-)Taster unten und die ±-Tasten im inneren Kreis dürften die am meisten eingesetzten Funktionen sein.

Ungewöhnliche Form: Mit der runden Fernbedienung sind (fast) alle Einstellungen möglich.

Die vier Taster mit den Bezeichnungen Dynamic, Monitor (flat), Classic (Standardeinstellung) und Vocal verändern das Klangbild nur minimal; und da diese Veränderung in einem weichen Übergang geschieht, ist sie wirklich kaum erkennbar.


Obwohl der Unterschied zur Standardeinstellung «Classic» kaum hörbar ist, drückte ich zur Sicherheit nach jedem Einschalten der Boxen die Monitortaste, damit zum Vergleich der lineare Klang generiert wird.

Auf Anfrage erhielt ich das Diagramm der Frequenz-anpassungen der vier Modi. Die Unterschiede sind effektiv minimal, der Höreindruck wird somit bestätigt.

Die im inneren Kreis waagerecht angeordneten Funktionen «Play/Pause», «Vorwärts» und «Rückwärts» sind nur bei USB- und Bluetooth-Quellen aktiv.


Die Fernbedienung liegt nicht optimal in der Hand und hat eine begrenzte Reichweite. So können die meisten Funktionen nur verändert werden, wenn der «Puck» auf die aktive Boxe ausgerichtet ist. Dazu muss die Fernbedienung in den meisten Fällen in die Hand genommen und auf den Lautsprecher gerichtet werden, was wegen der unkonventionellen Form nicht immer auf Anhieb gelingt. Zudem kommt es vor, dass man mit einem Finger den Infrarotsender abdeckt.


Da das Umschalten der Eingänge (PC > AUX > USB > OPT > COX > BT) intern etwas Zeit benötigt, ist ein flottes Durchsteppen zur gewünschten Eingangsquelle nicht möglich. Doch auch dies ist eine minime Unannehmlichkeit, da man ja meist dieselbe Quelle benützt.

Das Display auf der aktiven, rechten Box ist zwar klein, erfüllt in normaler Aufstellung jedoch ihren Zweck (hier mit dem BT-Symbol als gewählten Eingang).

Das Display der aktiven Box (die passive trägt an dessen Stelle den Namenszug) mag vielen zu klein erscheinen. Doch auch in diesem Punkt muss ich relativieren: Zum einen würde ein grösseres Display das Erscheinungsbild negativ beeinflussen und zum anderen zeigt das Display im Betrieb nur die gewählte Quelle an und blinkt zu Quittung, wenn man eine Änderung (Quelle, Modus, Lautstärke) vornimmt. Einzig eine Angabe über die Lautstärke (z. B. -40dB) wäre zusätzlich wünschenswert.


Negativ fiel mir auf, dass die S880DB beim erneuten Einschalten immer mit den Standardeinstellungen aufstartet, also auch die Lautstärke «normalisiert», was in gewissen Situationen eher mühsam ist. Nur die Eingangsquelle bleibt bestehen.

Bluetooth

Die Bluetooth-Funktion ermöglicht es, Musik von mobilen Geräten (Smartphones, Tablets) über die S880DB-Anlage abzuspielen. Das klappte auf Anhieb: Die Quelle des S880DB auf Bluetooth eingestellt, fand mein iPhone den Edifier sofort, stellte die Verbindung her und spielte die gewünschten Songs auch via «Puck»-Fernbedienung ab. Natürlich ist die Klangqualität nicht vergleichbar mit HiDef-Aufnahmen via USB oder Digital in, doch ist die Anbindung an mobile Devices ein nettes Plus.

Verarbeitung

Das Erscheinungsbild ist Geschmacksache, doch mir gefällt die schwarzweisse Konstruktion mit den hellbraunen, strukturierten Holzseiten.


Die Verarbeitung der S880DB ist hervorragend. Alles sitzt präzise, jede Aussparung passt optimal, die Anschlüsse machen einen äusserst stabilen Eindruck, und sogar die grossen Knöpfe der drei Regler funktionieren ohne jegliches Spiel.


Auch bei der Fernbedienung gibt es konstruktionsmässig nichts zu meckern. Eine solche Qualitätsverarbeitung ist in diesem Preissegment eher die Ausnahme.

Die strukturierten Holzseiten geben den Boxen Charakter.

Das Wichtigste: Der Klang

Es ist jedes Mal ein Erlebnis, wenn man in vertrauter Umgebung und mit ebensolcher Musik neue Boxen testen kann. Wie schon erwähnt, höre ich meine Musik möglichst unverfälscht, linear. Die Musikaufnahmen selbst sind ja unterschiedlich genug, so dass es eigentlich keinen «Klang-Standard» gibt, eher einen persönlichen Gewohnheitsklang.


Die Edifier S880DB klingen anders, weichen von meinem Gewohnheitsklang ab. Nicht enorm, aber hörbar. Die erste positive Überraschung war die Wiedergabe der tiefen Frequenzen. Laut Datenblatt beginnt die Übertragung bei 55 Hz, doch die sind da, und zwar nicht zu knapp, sauber und satt.


Die Höhen empfand ich etwas gar spitz und korrigierte leicht mit dem Regler. In einem E-Mail hatte mir der Edifier-Vertreter empfohlen, die Boxen «einzufahren» (erinnerte mich an die Autos von anno dazumal), die Metallkonstruktionen der Lautsprecher während ein paar Stunden sozusagen einzugewöhnen. Und wirklich: Nach über 12-stündigem Einsatz in verschiedenen Lautstärken und mit  unterschiedlichster Musik waren die unnatürlichen Höhen-Spitzen weitgehend verschwunden, der Regler wurde wieder in 0-Position gebracht und der echte Hörtest konnte beginnen.


Gleich vorweg: Was die S880DB nicht können, sind Magengegend bewegende Bässe erzeugen. Das würde schon rein physikalisch an ein Wunder grenzen. Doch die vollen, sauberen Bässe überraschten mich immer wieder.

Der Hochtöner (links, Titanium-Laminat-Dome) und der Mitten/Bass-Lautsprecher (3.75 Zoll, Aluminium-Membrane).

Als erstes mussten die Eagles mit «Hotel California» von der «Hell Freezing Over»-CD dran glauben. Diese Aufnahme ist zwar nicht in HiDef erhältlich, das lange Intro hat jedoch schon diverse Lautsprecherboxen ins Schwitzen gebracht. Nicht so die S880DB: Auch bei hoher Lautstärke kommen Pauke und Congas sauber rüber, zwar nicht als Körpermassage, aber überzeugend.


Als nächstes war das Joe Pass Trio «Intercontinental» (24/96) an der Reihe. Dieses eher ruhige Album zeigte vor allem die gleichmässige Frequenzverteilung und Transparenz des Edifier-Systems.


Dass die Aufnahmequalität (und ich meine hier nicht die hohe Auflösung, sondern, welche Mikrofone wie platziert wurden und wie der Tonmeister die diversen Kanäle abmischte) eine mindestens ebenso grosse Rolle spielt wie die Qualität der Abhöre, bewiesen einmal mehr die Vergleiche mit acht verschiedenen (HiDef-Audio-)Aufnahmen, in denen das Klavier, pardon, der Flügel im Zentrum steht. Ob Jazz, Klassik, Pop oder gar Meditationsmusik: Auf jeder Aufnahme klingt das Piano anders. Und auch im Vergleich zwischen verschiedenen Abhörsystemen gibt es je nach Aufnahme grössere oder minimale Unterschiede. In den meisten Fällen reproduzierten die S880DB die Pianoklänge in vergleichbarer Weise wie meine Gewohnheitsabhöre.


Um die definitive «Klassik-Tauglichkeit» auszuloten, kam die von HJ Baum im Detail besprochene Aufnahme von Vivaldis Cellokonzert mit Enrico Dindo zum Einsatz (24/96). Überraschend, denn eine so klare, transparente und doch volle Wiedergabe hätte ich diesen kleinen Boxen nicht zugetraut. Natürlich konnten sie nicht mit der wesentlich grösseren und mehrfach teureren Konkurrenz mithalten. Doch das war auch nicht zu erwarten: Es fehlte der Eindruck des grossen Saals, das Klangbild entsprach eben der minimalen Boxengrösse.


Für eine bessere Allgemeinbeurteilung des Klangs benötigte ich eine zweite, neutrale Meinung. Bald einigten wir uns darauf, dass die S880DB zwar überraschend gut, jedoch nicht neutral klingen. Sie weisen also ihren eigenen Klangcharakter auf, der vor allem bei der Wiedergabe von grösseren Orchestern, sei es Klassik (Vivaldi, Schubert, Wagner) oder Jazz/Pop (Diana Krall, Frank Sinatra, Steve Tyrell) die physikalischen Grenzen negativ offenbart. Bei kleineren Gruppen fällt dies kaum oder gar nicht auf.

Fazit

Die HiDef-Audio-Zertifizierung bezieht sich ausschliesslich auf die technischen Möglichkeiten (siehe Link im ersten Abschnitt), ist also kein Garant für atemberaubende Klangfülle oder neutrale Wiedergabe.


Die Edifier S880DB können und wollen keine (teure) Hi-End-Musikwiedergabeanlage ersetzen. Dazu sind schon die physikalischen Voraussetzungen nicht vorhanden. Doch für all diejenigen, die für relativ wenig Geld ihr HiDef-Audio-Streaming-Abo optimieren wollen, sind die vielseitig einsetzbaren und klanglich überraschenden Edifier-Böxchen ein «Geheimtipp».

Peppen auch den TV/DVD/BD-Sound auf.

Und auch als Klangverbesserer des Fernsehtons sowie im Bluetooth-Einsatz mit mobilen Geräten sind sie absolut empfehlenswert.